Heinrich
19.02.2008, 08:39
Der französische Präsident will elfjährige Schüler zu Paten von Holocaust-Opfern machen - Das könnte laut Historikern jedoch Schuldgefühle wecken
Paris (APA/dpa/AFP) - Mit seinem Vorschlag, den Holocaust zum verpflichtenden Schulthema für Elfjährige zu machen, hat der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy eine heftige Kontroverse ausgelöst. "Diese neue Initiative scheint unpassend und urplötzlich der Öffentlichkeit kundgetan, so wie andere Ankündigungen des Präsidenten auch", schrieb der Historiker Henry Rousso in einem Beitrag für die Pariser Zeitung "Libération (http://www.liberation.com/)" (Freitag-Ausgabe). "Und das ohne vorherige politische, historische oder psychologische Überlegungen."
Sarkozy hatte beim Jahrestreffen der jüdischen Dachorganisation CRIF vorgeschlagen, jeder elfjährige Schüler müsse als "Pate" Namen und Schicksal eines der etwa 11.000 von der deutschen Besatzungsmacht aus Frankreich deportierten und in den Vernichtungslagern im Osten ermordeten jüdischen Kinder kennen. "Ich finde diese Idee extrem morbide", sagte die jüdische Historikerin Esther Benbassa der Tageszeitung "Le Parisien". Für die Kinder sei der Vorschlag gefährlich, da er "extreme Schuldgefühle" wecken könne.Serge Klarsfeld, der Präsident der Organisation der Kinder deportierter Juden, begrüßte dagegen die Idee des Staatschefs. "Es geht darum, Kindern gegen den Extremismus moralisches Rüstzeug an die Hand zu geben." Die kommunistische Tageszeitung "L'Humanité" schrieb: "In welch merkwürdige Welt will Nicolas Sarkozy uns führen? Man lädt nicht straflos tausende Kinder ein, mit Gespenstern zu leben. Der Vorschlag (...) ist einfach ungeheuerlich. Eine Lehrergewerkschaft hat es bereits als 'morbide Eselei' bezeichnet, jedem Viertklässler das Gedenken eines der 11.000 Kinder anzuvertrauen, die Opfer der Shoah geworden sind. Es ist unverzichtbar, das Gedenken der Märtyrer zu erhalten (...). Aber es ist eine andere, zerstörerische Sache, jedes Kind wie einen Doppelgänger vor das Bild eines anderen Kindes zu stellen, das in den Vernichtungslagern verschwunden ist."
http://derstandard.at/?url=/?id=3226607
Paris (APA/dpa/AFP) - Mit seinem Vorschlag, den Holocaust zum verpflichtenden Schulthema für Elfjährige zu machen, hat der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy eine heftige Kontroverse ausgelöst. "Diese neue Initiative scheint unpassend und urplötzlich der Öffentlichkeit kundgetan, so wie andere Ankündigungen des Präsidenten auch", schrieb der Historiker Henry Rousso in einem Beitrag für die Pariser Zeitung "Libération (http://www.liberation.com/)" (Freitag-Ausgabe). "Und das ohne vorherige politische, historische oder psychologische Überlegungen."
Sarkozy hatte beim Jahrestreffen der jüdischen Dachorganisation CRIF vorgeschlagen, jeder elfjährige Schüler müsse als "Pate" Namen und Schicksal eines der etwa 11.000 von der deutschen Besatzungsmacht aus Frankreich deportierten und in den Vernichtungslagern im Osten ermordeten jüdischen Kinder kennen. "Ich finde diese Idee extrem morbide", sagte die jüdische Historikerin Esther Benbassa der Tageszeitung "Le Parisien". Für die Kinder sei der Vorschlag gefährlich, da er "extreme Schuldgefühle" wecken könne.Serge Klarsfeld, der Präsident der Organisation der Kinder deportierter Juden, begrüßte dagegen die Idee des Staatschefs. "Es geht darum, Kindern gegen den Extremismus moralisches Rüstzeug an die Hand zu geben." Die kommunistische Tageszeitung "L'Humanité" schrieb: "In welch merkwürdige Welt will Nicolas Sarkozy uns führen? Man lädt nicht straflos tausende Kinder ein, mit Gespenstern zu leben. Der Vorschlag (...) ist einfach ungeheuerlich. Eine Lehrergewerkschaft hat es bereits als 'morbide Eselei' bezeichnet, jedem Viertklässler das Gedenken eines der 11.000 Kinder anzuvertrauen, die Opfer der Shoah geworden sind. Es ist unverzichtbar, das Gedenken der Märtyrer zu erhalten (...). Aber es ist eine andere, zerstörerische Sache, jedes Kind wie einen Doppelgänger vor das Bild eines anderen Kindes zu stellen, das in den Vernichtungslagern verschwunden ist."
http://derstandard.at/?url=/?id=3226607